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  • Unsere Wertung:
    🤘🤘🤘🤘🤘🤘🤘🤘🤘
  • Release-Datum:
    24.02.2023
  • Label:
    Bakraufarfita Records
Lulu & Die Einhornfarm

Alles Klärchen Bärchen

Elf Lieder in gerade einmal knappen 24 Minuten: Ist das schon Album oder kann das noch als EP durchgehen? In Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei Alles Klärchen Bärchen um den zweiten Output des Seitenprojekts von Luise F*ckface handelt (ihres Zeichens Frontfrau von The Toten Crackhuren im Kofferraum), darf man hier schon mal alle Hühneraugen ausquetschen. Außerdem: Wenn die Trackliste zweistellig ist, neige ich eher zum Album als zur EP, auch wenn die Laufzeit kurz ist. Sollte ich mal eine Powerviolence- oder Grindcoreplatte rezensieren, könnte ich diese Aussage unter Umständen revidieren, aber von dem Genre ist das Berliner Quartett doch weiter entfernt.

 

Alles Klärchen Bärchen ist musikalisch betrachtet herrlich schnodderiger Garagepunk mit wunderbar dahingerotztem Gesang. Bereits der Opener Im Bus Wird Nicht Gekackt treibt mir als ÖPNV-Nutzer (Fernbusreisen eher weniger) mit Hang zu infatilem Humor ein dickes Grinsen ins Gesicht. Der Humor hört danach nicht auf, auch wenn es bei Keine Kontrolle (selbst)kritischer zugeht. Ich Bin So Lustig, Wenn Ich Betrunken Bin überrascht dann erstmal mit dem schon beinahe balladesken Tempo und ruhigeren Gitarren. Auch hier geht es ganz offensichtlich ironisch zu, wenn Luise darüber singt, wie lustig es doch ist, sich betrunken einzustrullen, Blödsinn zu erzählen und das Herz des geliebten Boyfriends zu brechen. Hahahaha, ich war doch nur betrunken, kann passieren. Hat jeder schon mal irgendwo irgendwie erlebt oder mitbekommen und das macht den Charme der Songs aus: Die Messages sind nahbar, nachvollziehbar und nah am Zeitgeist (sagt man das so?)

 

Es folgt die nächste Auskopplung und das erste und einzige Feature des Albums: Überall Bulln mit Chris Kotze (Drummer von Kotzreiz, Berlin Blackouts und Jennifer Rostock) ist typisch Punk Rock, schon beinahe klischeehaft, wäre da nicht ein kleines Zwinkern mit dem linken Auge. Der darauffolgende Track ist der für mich wichtigste der Platte: Ich Bin Eine Schlampe thematisiert den Sexismus und die herabfällige Bewertung gegenüber Frauen und ihrer Sexualität sowie das Abstellen einer Frontfrau/einer weiblichen Band als Sexobjekt(e). Der Song ist so gesehen ein Cover; das Original befindet sich auf dem Album Gefühle von The Toten Crackhuren Im Kofferraum.

 

Gekonnt überspitzt spielt Luise mit den typischen Vorurteilen und „bestätigt“ diese sehr sarkastisch. Diejenigen, die diesen Text als Bestätigung interpretieren, sind am Ende die, wegen denen solche Texte wichtiger den je sind.

Wer hier nichts versteht, ist Teil des Problems!

Mitunter wird ja mittlerweile viel kritisiert, ob es solche Texte zu Feminismus, Gleichstellungen von FLINTA* und der LGBTQIA+-Community noch braucht und dass es derzeit eine Übersättigung gäbe, aber auch hier meine ich: Nö, nein, eh-eh! Es ist absolut wichtig und richtig, weiterhin darüber zu schreiben, zu singen und sich aktiv damit auseinander zu setzen. Rant Ende, weiter mit dem Album.

Nazis Zuscheißen bringt mich ähnlich wie der Opener zum Lachen. Nazidemos von oben bekämpfen – Alle Macht den Tauben! Gesellschaftskritisch wird es dann wieder bei der letzten Singleauskopplung Morgen Kommt Das Neue Iphone. Es fällt mir schwer, das Wort „Klischee“ zu nutzen; eher würde mir „Momentaufnahme des Status Quo zum Thema Statussymbole“ gefallen, aber das ist zu sperrig. Plötzlich wird es ganz ruhig und sogar ein wenig romantisch. Da ich beim ersten Durchhören die Titelliste nicht zurate gezogen habe, bin ich gespannt, was mich erwartet.

Lulu erzählt von einem Crush auf Insta, sie himmelt ihn an, will ihm irgendwie schreiben, und dann:

Dickpic! Lörres! Ungefragte Schwengelablichtungen! Und ihr fragt euch, warum es weiterhin nötig ist, über so etwas zu schreiben? Weil es die fucking Realität ist! Am Ende gibt es sogar den sehr guten Tipp, solche unaufgefordert versendeten Bilder bei dickstinction.com anzuzeigen. Sehr gut gespielt, liebe Einhornfarmer. Chapeau!

 

Ich bin motiviert handelt von verzerrten Frauenbildern und einer Protagonistin, die diesen gerecht werden und zeigen will, was für eine „Maschine“ in ihr steckt. In Cabinet Würzig kotzt die Band wortwörtlich über ekelhafte Zigarettenmarken und den durch sie hinterlassenen Rachenfurz ab. Den Abschluss dieser kurzen, knackigen und spaßigen Sause macht ein weiteres The Toten Crackhuren Im Kofferraum-Cover, Bau Mir Nen Schrank ist ebenfalls auf deren letztem Album Gefühle zu finden und dreht den Sexismusspieß gehörig um. Auch eine verdammt wichtige Nummer.

 

Fazit: Alles Klärchen Bärchen? Ei sicher doch! Lulu & Die Einhornfarm haben ein kurzweiliges und spaßiges Album abgelegt, welches man oft und gerne wieder hört. Hier und da gibt es kleinere, kaum erwähnenswerte Längen, die aber dem positiven Gesamteindruck keinen Abbruch tun.

 

Tracklist:

 

  • Im Bus Wird Nicht Gekackt
  • Keine Kontrolle
  • Ich Bin So Lustig, Wenn Ich Betrunken Bin
  • Überall Bulln (feat. Chris Kotze)
  • Ich Bin Eine Schlampe
  • Nazis Zuscheißen
  • Morgen Kommt Das Neue Iphone
  • Dickpic
  • Ich Bin Motiviert
  • Cabinet Würzig
  • Bau Mir Nen Schrank

 

Live:

 

24.02.23 Supamolly Berlin; Seapunks Soliparty mit Kotzreiz, Fatigue & Social Mixtape

11.03.23 Faust Hannover; Wisecräcker „Vida En Color“ Releaseparty mit Wisecräcker & The Hostiles

06.07. – 08.07. Störfaktor Festival Zwickau, mit Loikämie, Notgemeinschaft Peter Pan, Missstand uvm.

 

 

– Bennywise

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